Märchenhelden und Fabelwesen

Dornröschen

"Dornröschen" (Grimm) ist ein klassisches europäisches Volksmärchen, das in unzähligen Varianten erzählt und festgehalten wurde. Eine frühe Variante ist das Märchen Sonne, Mond und Talia von Giambattista Basile. Hier ist Talia der Name der weiblichen Protagonistin. Diese sticht sich wie prophe-zeit an einer Hanffaser. Ihr Vater lässt sie im Turmzimmer aufbahren. Allerdings klettert ein König, der einem Falken gefolgt ist, an einer Leiter zum Fenster hinein. Er verfällt ihrer Schönheit und versucht sie zu wecken, was ihm jedoch nicht gelingt. Dennoch "trug er sie in seinen Armen auf ein Lager und pflückte die Früchte der Liebe". Neun Monate später wird ein Zwillingspaar geboren. Dieses Zwillingspaar will gesäugt werden und nuckelt an Talias Finger, wodurch diese erwacht. Sie nennt ihre Kinder Sonne und Mond. Schließlich kommt der König zurück zu ihr, die Königin wird eifersüchtig, will Talia samt ihrer Kinder verbrennen lassen, findet dann aber selbst im Feuer ihr Ende.

Bei Charles Perrault heißt das Märchen Die schlafende Schöne im Walde (1695). Diese Version des Märchens ist der grimmschen Fassung schon recht ähnlich. Es gibt sieben eingeladene Feen und eine beleidigte achte. Das Mädchen sticht sich nicht an einer Faser, sondern der Spindel, schläft hundert Jahre und wird durch einen Königssohn erlöst. Es bedarf dazu keines Kusses, sein Erscheinen genügt. Die beiden heiraten natürlich und bekommen Kinder. Allerdings ist das Märchen damit noch nicht zuende, denn die Mutter des Prinzen ist Menschenfresserin und will die Prinzessin und ihre Kinder verspeisen. Natürlich schafft sie es nicht, sondern fällt in einen Trog, in dem sich auch wilde Tiere befinden, die sie dann auffressen.

In der hierzulande bekannten Dornröschen-Fassung der Brüder Grimm (die erste Fassung ist aus dem Jahr 1812, die heute bekannte Fassung aus der 5. Auflage von 1857) findet sich die böse Königin im Gegensatz zu den Fassungen von Basile und Perrault nicht mehr. Das Märchen endet mit der Hochzeit Dornröschens mit dem Prinzen. Und ein Unterschied zur Fassung Perraults ist, dass nicht sieben Feen eingeladen werden, sondern zwölf. Die böse Fee ist die dreizehnte. Der Geburt Dornröschens wird der Königin durch einen Frosch vorhergesagt. (Anmerkung: Dieser Forsch wird von Bettelheim in "Kinder brauchen Märchen" als Phallussymbol gedeutet.) Der Fluch wird ähnlich wie bei Perrault ausgesprochen, und die Erlösung Dornröschens geschieht durch den berühmten Kuss.

Eine neu erzählte Variante des Dornröschen-Stoffes liefert Christian Peitz. Er erzählt die Geschichte etwas ausführlicher und liefert neue Interpretationsansätze. Zum einen spielt er auf Bettelheims Deutung des Frosches an und stellt den Frosch (in Tradition von "Wetterfrosch" und "Unkenruf") schlicht und ergreifend als prophetisches Wesen dar. Die Erlösung der schlafenden Prinzessin gibt es auch bei ihm durch einen Kuss, wobei auch dieser augenzwinkernd pädagogisch eingeordnet wird. Neben seiner "Dornröschen"-Variante liefert Peitz mit Rosdörnchen noch das Märchen einer Prinzessin, die Dornröschens unsympathische Zwillingsschwester sein könnte.

Die Feen

Eine hervorhebenswerte Rolle spielen in Dornröschen die Feen, vor allem die eine, die bei den Einladungen übergangen wird. Hier gibt es noch zwei erwähnenswerte Märchen, die auf genau diese Situation anspielen. Zum einen Die Geschichte von der Schüssel und dem Löffel (Michael Ende), in dem die dreizehnte Fee gleich bei zwei Festen zu Ehren neugeborener Königskinder nicht eingeladen wird. Sie rächt sich auf andere Weise, indem sie nämlich beide Feiern trotzdem besucht und dem einen Königshaus eine magische Schüssel schenkt und dem anderen einen magischen Löffel. Der Haken: Die Dinge funktionieren nur zusammen, und das stürzt die beiden Königreiche beinahe in einen Krieg. Desweiteren taucht das Motiv in dem Teelöffelmärchen Die Prinzessin und der Silberlöffel auf. Hier fehlt zur Bewirtung aller Feen ein Silberlöffel, und der Prinz macht sich auf den abenteuerlichen Weg, noch einen passenden aufzutreiben.

Dornröschen-Empfehlungen

  • Sonne, Mond und Talia aus dem "Pentamaron" (Giambattista Basile)

  • Die schlafende Schöne im Walde aus den "Märchen" (Charles Perrault)

  • Dornröschen aus der Sammlung "Kinder- und Hausmärchen" (Jacob und Wilhelm Grimm)

  • Dornröschen und Rosdörnchen, beide aus dem Buch "Zehn auf einen Streich" (Christian Peitz)

  • Die Geschichte von der Schüssel und dem Löffel aus dem Buch "Die Zauberschule" (Michael Ende)

  • Die Prinzessin und der Silberlöffel, aus den "Teelöffelmärchen" (Christian Peitz)


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